Mittwoch, 26. April 2017

Die Verjährung beim Bundesgerichtshof, der Damm im leeren Flussbett und das doch nicht gestaute Wasser

Es gibt Fragen, die zu stellen auch nur einem Juristen einfallen kann. So kann man sich zum Beispiel die Frage stellen, ob eine Frist gehemmt werden kann, die noch gar nicht zu laufen begonnen hat.

Ein Fluss mit Wasser, das fließt.
Stellen wir uns das mal bildlich mit einem künstlich angelegten Fluss vor: Durch sein Bett soll im nächsten Jahr Wasser laufen. In diesem Jahr bleibt dass Flussbett aber noch leer. Im leeren Bett errichte jetzt einen Damm, der einen Monat stehen bleibt. Wäre Wasser vorhanden gewesen, wäre es auch komplett gestaut worden.

Nach einem Monat baue ich den Damm wieder ab. Bis dahin ist noch kein Tropfen Wasser durch das Flussbett geflossen.

Nun die spannende Frage: Wenn das Wasser im nächsten Jahr durch das Flussbett fließt, wird es dann an der Stelle gestaut, an der im Vorjahr für einen Monat ein Damm stand?

Jeder, der NEIN sagen würde, muss sich ein Defizit an Fantasie nachsagen lassen. Jedenfalls fehlt es ihm an der für den Beruf des Juristen manchmal wohl notwendigen Fähigkeit, die wirklich interessantesten Thesen zu entwickeln und sie auch noch ernsthaft bis zum höchsten Gericht zu vertreten.

Ich möchte Euch von einem Fall berichten, der gestern vom Bundesgerichtshof entschieden wurde. Konkret ging es um die Verjährung eines Schadensersatzanspruchs wegen eines Unfalls, der im Jahr 2011 passiert ist. Betroffen war eine Frau, die mit ihrem Auto einen unverschuldeten Unfall gehabt hatte. Den nachgewiesenen Unfallschaden hat die Verischerung auch ersetzt. Es wurde aber noch ein etwas weitergehender Schadensersatz verlangt, was die Versicherung aber ablehnte. Die Verhandlungen endeten so noch im selben Jahr.

 Dann passierte drei Jahre lang nichts. Im Februar 2015 erwirkte die Geschädigte schließlich einen Mahnbescheid. Nun stellte sich die Frage: War der (strittige) Schadensersatzanspruch verjährt oder nicht.

Die Verjährungsfrist wird durch Verhandlungen gehemmt. Allerdings beginnt sie erst mit Ende des Jahres zu laufen, in dem der Anspruch entstanden ist. 

Der Bundesgerichtshof hat nun mit Urteil vom 25.04.2017 (VI ZR 386/16) entschieden, dass eine Frist, die noch gar nicht zu laufen begonnen hatte, durch die vorgerichtliche Regulierung nicht gehemmt wird.

Also: Wie der Fluss des Wassers durch einen nicht mehr vorhandenen Damm nicht gehemmt wird, wird auch die Verjährungsfrist nicht gehemmt durch Verhandlungen, die vor Beginn der Verjährung schon beendet waren.

Wer hätte das gedacht?

Dienstag, 25. April 2017

Frankreich - Frühling einer Demokratie

Nizza in der Osterzeit - der Frühling hält Einzug in Frankreich!
Unsere Nachbarn im Westen sind dabei, für ihr Land einen neuen Präsidenten zu wählen. Im ersten Wahlgang haben sich Emmanuel Macron und Marine Le Pen für die Stichwahl qualifiziert.

Die Reaktionen in Deutschland sind sehr von der innenpolitischen Wahrnehmung geprägt. Die allermeisten mögen Marine Le Pen nicht und jubeln deswegen Emmanuel Macron zu. Ich gehöre nicht zu diesen peinlichen Würsten. Ich sehe mir die Sache mit einer von Sympathie für Frankreich getragenen Distanz ganz in Ruhe an.

Ganz ehrlich: Die Franzosen bewundere ich für ihren Mut. Der für mich entscheidende Punkt ist, dass die Kandidaten der etablierten Parteien samt und sonders durchgefallen sind. Die bisherige politische Elite kommt beim Volk nicht mehr an. Man vertraut ihnen und ihren Gesichtern nicht mehr.

Dabei lassen die Franzosen sich durchaus auf ein Wagnis ein: Egal wer von beiden Kandidaten letzten Endes gewählt wird. Er oder sie wird für die eigene Politik keine große Unterstützung im Parlament haben. Die Gefahr ist, dass man sich gegenseitig blockiert und dass Frankreich zum Stillstand kommt. Die Franzosen haben diese Gefahr um ihrer Demokratie willen in Kauf genommen!

In dieser Situation liegt die Chance, dass die politischen Kräfte sich zum Besten ihres Landes zusammen raufen. Ja, alles kann scheitern. Aber noch mehr Stillstand als unter der sozialistischen Präsidentschaft kann es doch kaum geben.

Ich bewundere die Franzosen für ihren Mut. Sie wagen für ihre alte und im Volk tief verwurzelte Demokratie einen Frühling. Das alleine ist schon einmal gut. Nicht nur für Frankreich, sondern für ganz Europa!

Nach einem Verkehrsunfall werden Anwaltskosten nicht immer ersetzt

Es gibt Anwälte, die werben damit, dass man sie in jedem Fall nach einem Verkehrsunfall beauftragen soll. Das ist völlig legitim.

Die Kosten, so behaupten einige von ihnen, zahlt in jedem Fall der Unfallgegner. Das stimmt so nicht!

Um Missverständnissen vorzubeugen: Normale Privatpersonen haben ganz klar einen Anspruch auf Ersatz von Anwaltskosten, wenn sie nach einem unverschuldeten Unfall einen Anwalt beauftragen. Das ist auch völlig okay, wenn man erst einmal gar nicht weiß wie man das mit dem Schadensersatz regeln soll.

Aber das stimmt eben nicht in allen Fällen. Dann, wenn ein Geschädigter mit Bezug zum Straßenverkehr oder Transportgewerbe von einem Verkehrsunfall betroffen ist, werden Anwaltskosten nämlich nicht immer ersetzt. So hat es jetzt das Amtsgericht Duisburg-Ruhrort mit Urteil vom 09.03.2017 (8 C 300/16) entschieden. Die Begründung finde ich sehr lebensnah: Zumindest in einfach gelagerten Sachverhalten sind kaufmännische Grundkenntnisse völlig ausreichend, um einen Schadensersatzanspruch gegenüber einem Versicherer geltend zu machen.

Freitag, 21. April 2017

Glasbruch: Wann ist die Reparatur für den Kunden kostenlos?

Gestern habe ich besprochen, wann überhaupt eine Glasreparatur statt eines Austausches gemacht werden darf. Heute komme ich zur Frage, wann die Reparatur für den Kaskoversicherten wirklich kostenlos ist.

Ein Steinschlagschaden!
Kostenlos ist die Reparatur auf jeden Fall dann, wenn für die Teilkasko keine Selbstbeteiligung vereinbart wurde und wenn keine Werkstattbindung in der Kasko besteht.

Achtung: Bei einigen Versicherungen besteht bei Glasbruch immer eine Werkstattbindung. Bitte seht auf jeden Fall in Euren Vertragsunterlagen nach!

Wenn eine Selbstbeteiligung vereinbart wurde, dann solltet ihr folgendes machen, damit die Reparatur wirklich für Euch kostenlos ist:
  1. Ruft erst einmal bei Eurer Versicherung an und meldet den Schaden.
  2. Lasst Euch von Eurer Versicherung zu einem ihrer Glaspartner vermitteln.
Geht auf keinen Fall einfach selbst in irgend eine Werkstatt und gebt dieser den Reparaturauftrag. Dann kann es nämlich sein, dass die Selbstbeteiligung doch angerechnet wird, so dass ihr die Rechnung im Ergebnis bezahlen müsst.

Donnerstag, 20. April 2017

Glasbruch an der Windschutzscheibe: Wann darf eine Reparatur gemacht werden?

Ich habe vor kurzem erklärt, dass die Reparatur einer Windschutzscheibe für Kunden mit Kaskoversicherung nicht immer kostenlos ist.

Aber wenn eine Scheibe gebrochen ist - wann kann sie überhaupt repariert werden statt sie zu tauschen?

Der Bruch darf nicht im Sichtbereich des Fahrers sein. Warum dem so ist, wird klar wenn man sich so einen Schaden mal anguckt.


Man sieht sehr gut, dass der Fahrer den Schaden immer sieht. Auch wenn die Bruchstelle mit Harz ausgefüllt wird, bleibt er im Sichtbereich abgelenkt. Das geht nicht. Daher ist es verboten, im Sichtbereich des Fahrers eine Glasreparatur durchzuführen.

Aus technischen Gründen ist die Reparatur auch dann nicht mehr möglich, wenn der Bruch am Rand der Scheibe ist oder wenn es längere Risse gibt. Dann hat die Scheibe nicht mehr die nötige Stabilität und muss aus Sicherheitsgründen getauscht werden.

Damit ist klar: Nur ein verhältnismäßig kleiner Bruchschaden, der weder die Stabilität der Scheibe gefährdet und der auch nicht im Sichtbereich ist, darf repariert werden. Ansonsten muss die Scheibe ausgetauscht werden.

Mittwoch, 19. April 2017

BGH: Die Rechnung eines Sachverständigen indiziert nicht die Höhe der zu ersetzenden Sachverständigenkosten

Ich habe Euch gestern auf das Urteil des BGH vom 28.02.2017 zur Höhe erstattungsfähiger Sachverständigenkosten hingewiesen. Die Lektüre lohnt sich. Denn der BGH hat der früheren Rechtsprechung, dass die Höhe einer Rechnung deren Erforderlichkeit und damit Erstattungsfähigkeit indiziere, eine klare Absage erteilt.:

Interessant finde ich folgende Passagen:
Nach der ständigen Rechtsprechung des Senats bildet nicht der vom Sachverständigen in Rechnung gestellte Betrag als solcher, sondern allein der vom Geschädigten in Übereinstimmung mit der Rechnung tatsächlich erbrachte Aufwand einen Anhalt zur Bestimmung des zur Herstellung erforderlichen Betrages im Sinne von § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB. Der Grund für die Annahme einer Indizwirkung des vom Geschädigten tatsächlich erbrachten Aufwands bei der Schadensschätzung liegt darin, dass bei der Bestimmung des erforderlichen Betrages im Sinne von § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB die besonderen Umstände des Geschädigten, mitunter auch seine möglicherweise beschränkten Erkenntnismöglichkeiten, zu berücksichtigen sind. Diese schlagen sich regelmäßig im tatsächlich aufgewendeten Betrag nieder, nicht hingegen in der Höhe der vom Sachverständigen erstellten Rechnung als solcher.
 und
Der verständige Geschädigte, der keine Honorarvereinbarung trifft und den Schadensersatzanspruch bei Erteilung des Gutachtensauftrages abtritt, wird im Regelfall davon ausgehen, dass dem Sachverständigen die übliche Vergütung zusteht.
Der BGH betont immer wieder die Freiheit des Tatrichters, die Höhe erforderlicher Kosten zu schätzen.

Es ist frei von Rechtsfehlern, wenn das Tatgericht die Höhe der erforderlichen SV-Kosten nach der BVSK Honorarumfrage 2015 misst. Ausdrücklich betont der BGH allerdings, dass es nicht Aufgabe des Revisionsrichters sei, dem Tatgericht eine bestimmte Berechnungsmethode vorzuschreiben. 


Die BVSK-Honorarumfrage ist damit gerade nicht in Stein gemeißelt. Die Instanzgerichte können sie anwenden oder eben auch nicht.

Dienstag, 18. April 2017

Bundesgerichtshof: Kosten eines Kfz-Sachverständigen müssen nicht immer in voller Höhe ersetzt werden

Ein Unfall... der Geschädigte hat zur Feststellung seines Fahrzeugschadens einen Kfz-Sachverständigen beauftragt. Die Rechnung sollte die Versicherung des Unfallgegners bezahlen. Diese hat auch bezahlt, aber nicht in voller Höhe. Dies mit der Begründung, dass die Sachverständigenkosten zu hoch sind. Damit hatte der Bundesgerichtshof sich kürzlich zu befassen.

Mit Urteil vom 28.02.2017 (VI ZR 76/16) hat der BGH entschieden, dass die Versicherung die Sachverständigenkosten auch nicht in voller Höhe bezahlen musste. Sie hat sich also hier zu Recht gegen die Forderung des Sachverständigen gewehrt.
Ein Schaden: Wie teuer darf seine Schätzung werden?


Die Werte, um die es hier geht, sind im Urteil auch mitgeteilt worden. Die Reparatur würde ohne Umsatzsteuer 4.309,95 Euro kosten, hinzu kommt eine Wertminderung von 500 Euro. Das macht zusammen einen Fahrzeugschaden von 4.809,95 Euro. Für sein Gutachten hat der Sachverständige insgesamt 867 Euro berechnet. Das sind gut 20% des Schadens, dessen Höhe er selbst geschätzt hat.

Ganz ehrlich: Die Relation muss man sich erst einmal überlegen. Dass der Schädiger (bzw. dessen Versicherung) den unfallbedingten Fahrzeugschaden ersetzen muss, ist klar. Dass aber zur Schadensfeststellungen noch einmal 20% auf den eigentlichen Schaden hinzukommen, ist doch reichlich happig. Ich kann es verstehen, wenn Versicherungen sich gegen unverhältnismäßig hohe Sachverständigenrechnungen zur Wehr setzen.

Hier war es auch so, dass der Geschädigte die Rechnung des Sachverständigen selbst auch nicht bezahlt hatte. Vielmehr hatte er eine Abtretung unterzeichnet, so dass der Sachverständige die Bezahlung der Rechnung direkt mit der Versicherung regeln sollte.

Wie hoch genau die Rechnung ausfallen würde, das wusste  der Geschädigte auch nicht. Der Sachverständige hatte mit ihm vereinbart, dass die Rechnung sich an der Höhe des Fahrzeugschadens orientieren sollte. Nur: Den kannte der Geschädigte gar nicht. Also gab es auch keine konkrete Preisvereinbarung. Daher musste das Gericht schätzen, wie hoch üblicherweise vergleichbare Sachverständigenkosten wären. Und da kam es zu einem Ergebnis, das deutlich niedriger als die vom Sachverständigen aufgemachte Rechnung lag.


Der Knackpunkt ist eine einfach zu formulierende Frage: Wie teuer darf es sein, einen entstandenen Schaden der Höhe nach einzuschätzen? So einfach diese Frage ist, so schwer ist sie zu beantworten. Ich denke, die Gerichte werden mit diesem Thema noch viel zu tun haben.