Donnerstag, 28. August 2014

ADAC: muss ich für die Hilfe des Clubs extra zahlen, wenn ich sie unverschuldet in in Anspruch nehmen muss?

Ich möchte Euch auf ein Urteil des Amtsgerichts Hannover vom 14.04.2014 (Aktenzeichen 554 C 6031/13) hinweisen, das auf Juris veröffentlicht wurde und auch in der Zeitschrift Schaden Praxis 2014, 276 f.

In dem vom Gericht zu entscheidenden Fall ging es um die Mitgliedsbedingungen des ADAC. Die aktuellen Bedingungen finden sich hier auf den Seiten des ADAC. Sie sind vom Stand 1.1.2014, der vom Gericht beurteilte Sachverhalt muss eine ältere Bedingungsversion betreffen.

Wörtlich sagt das Amtsgericht Hannover:
Die Klausel, dass die Clubleistung nicht kostenfrei ist, wenn ein Erstattungsanspruch gegen Dritte besteht, ist unwirksam.
In den Bedingungen zum 1.1.2014 finde ich unter Nr. 5 d folgende Regel:
Die Clubleistung ist nicht kostenfrei, wenn … ein Erstattungsanspruch gegen Dritte besteht. Als Dritte gelten nicht die ADAC-Schutzbrief Versicherungs-AG, die ADAC-Rechtsschutz Versicherungs-AG und die ADAC Autoversicherung AG.
Also, wenn ich einen Unfall habe und abgeschleppt werden muss, dann rufe ich meinen Automobilclub. Richtig? Den rufe ich, weil ich ihm vertraue, dass er mir hilft und weil ich für diese Hilfe ja auch einen recht hohen Beitrag zahle.

Am Unfall bin ich selbst schuld? Dann organisiert der Club mir die Hilfe und bezahlt die auch.

Am Unfall bin ich selbst nicht schuld? Dann organisiert der Club mir die Hilfe, ich muss sie aber selbst bezahlen. Das heißt, ich kann für den Schlamassel nichts, und nach den Regeln des Clubs sitze ich dann noch tiefer in der Tinte als ohnehin. Und dafür zahle ich meinen Beitrag.

Ach ja: wenn der Unfallgegner bei der ADAC Autoversicherung AG versichert ist (was ich mir als Unfallopfer ja nicht aussuchen kann), dann ist meine Clubleistung für mich plötzlich wieder kostenfrei. Ist der wo anders versichert, ist sie nicht kostenfrei.

Ist das wirklich so gewollt? Vom Wortlaut der Bedingungen her verstehe ich das so. Ich kann die Entscheidung des Amtsgerichts Hannover insofern gut nachvollziehen. Im Volltext kann sie in Juris (kostenpflichtig) oder in Auszügen in der Schaden Praxis (gibt es in sehr gut sortierten juristischen Bibliotheken) nachgelesen werden. Leider habe ich im Netz keine kostenfreie Veröffentlichung dieses Urteils gefunden.

Ich fände es schön, wenn der ADAC diesen Punkt öffentlich klarstellen würde. Gerne gebe ich diese Klarstellung auch in meinem Blog wieder. Vielleicht habe ich die Sache ja falsch verstanden?

Dienstag, 26. August 2014

Buchhinweis: Fahrerschutzversicherung



Schwab: Fahrerschutzversicherung
Die Fahrerschutzversicherung ist ein relativ neues Angebot deutscher Kfz-Versicherer. Klassisch werden Fahrzeuginsassen durch die Insassenunfallversicherung geschützt. Diese zahlt im Fall des Eintritts bestimmter Verletzungen eine Geldsumme gemäß einer Tabelle. Die Angebote sind hier unterschiedlich. Im Abschnitt A.4 der vom GDV bereitgestellten Musterbedingungen der AKB findet sich hier auch eine Regelung, die in etwa die vorhandenen Standards wiedergibt.

Die Insassenunfallversicherung ist im Prinzip überflüssig geworden, seit gesetzlich geregelt ist, dass aus der Betriebsgefahr auch für Personenschäden inkl. Schmerzensgeld gehaftet wird, und dass Insassen auch in Fällen eines „unabwendbaren Ereignisses“ einen Haftpflichtanspruch gegen den Kfz-Haftpflichtversicherer des Autos haben, in dem sie verletzt wurden (Ausnahme: höhere Gewalt für den Halter, was praktisch kaum vorkommt). Eine Deckungslücke gibt es nur für den Fahrer des Kfz. Und in diese stießen innovative Versicherer durch Entwicklung der Fahrerschutzversicherung.

Diese wird heute in vielen Varianten angeboten. Musterbedingungen des GDV sollen zwar in Arbeit sein. Aber die sind nicht bindend, und viele Versicherer werden an den von ihnen entwickelten Produkten festhalten. Die Produktvarianten sind mannigfaltig. Einige Varianten sind an die Insassenunfallversicherung angelehnt, andere an die Kfz-Haftpflichtversicherung. Das entspricht der eigentlichen Grundidee des Produkts: der durch Eigenverschulden geschädigte Fahrer, der andernorts keinen Ersatz für die erlittenen Verletzungen und aus diesen folgenden Schäden erlangen kann, soll sich gegen dieses Risiko versichern können.

Fachliteratur zu diesem Produkt gibt es bislang nur wenig, z.B. von Wilms im Handbuch des Fachanwalts Verkehrsrecht (Kapitel 23) oder von Heinrichs in DAR 10/2011, 565 ff. In diese Lücke stößt nunmehr Schwab mit einem eigenen Buch.

Auf (inkl. Literaturverzeichnis und Stichwortregister) 211 Seiten stellt er alle Aspekte dar, die in Zusammenhang mit der Fahrerschutzversicherung wichtig sind. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt dabei auf der Leistung (Seite 81-150). Schwab, selbst Großschadenregulierer bei einem großen deutschen Kfz-Versicherer, weiß dabei auch genau worum es geht. Er versteht es, die teils sehr komplexe Materie nicht nur vollständig, sondern auch in sehr verständlicher Sprache zu behandeln. Auf konkrete Produkte einzelner Versicherer wird dabei nicht eingegangen, die Materie wird abstrakt behandelt.

Anwälte und Richter finden hier alles, was es zur Fahrerschutzversicherung zu wissen gibt. Auch für Mitarbeiter von Versicherungen – sei es im Innendienst als Regulierer oder Produktentwickler, sei es im Vertrieb als Außendienst oder freier Makler – ist dieses Buch wertvoll, und zwar gerade wegen seiner Produktneutralität. 

Hans-Josef Schwab, Fahrerschutzversicherung, Verlag Versicherungswirtschaft, Karlsruhe 2014, ISBN 978-3-89952-818-3, Preis: 35,- €, Beschreibung und Bestellmöglichkeit beim Verlag

Montag, 25. August 2014

Bundesgerichtshof zum Betrug am Verbraucher

Betrug durch Firmen, die Verbraucher über die Kostenpflichtigkeit von Leistungen täuschen, war schon Thema in meinem Blog. Den sehe ich z.B., wenn den Kunden bei Kasko-Schäden die Selbstbeteiligung 'erlassen' wird und die Werkstatt das dann gegenüber der Kfz-Versicherung verschweigt. Das ist dann Betrug zu Lasten der Versicherung, der bei der Abrechnung ein höherer Schaden vorgetäuscht wird als er dem jeweiligen Kunden tatsächlich entstanden ist.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat jetzt ein interessantes Urteil (vom 05.03.2014 - 2 StR 616/12) gefällt zu einer Konstellation, in der es um Betrug zu Lasten des Kunden geht. Diesem wurde bei Abschluss eines Vertrages im Internet nicht hinreichend deutlich gemacht, dass er eine kostenpflichtige und keine kostenfreie Leistung in Anspruch nimmt.

Wer einen Verbraucher über die Kostenpflichtigkeit einer Leistung täuscht und ihn dadurch zum Abschluß eines Vertrages verleitet, begeht einen vorsätzlichen Betrug. Zum Tatbestand - hier beim Abschluß eines Vertrages zur Nutzung eines Routenplaners im Internet bei Täuschung über die Kostenpflichtigkeit - hat der Bundesgerichtshof sich u.a. so geäußert:
Eine Täuschungshandlung im Sinne des § 263 StGB ist jede Einwirkung des Täters auf die Vorstellung des Getäuschten, welche objektiv geeignet und subjektiv bestimmt ist, beim Adressaten eine Fehlvorstellung über tatsächliche Umstände hervorzurufen. Sie besteht in der Vorspiegelung falscher oder in der Entstellung oder Unterdrückung wahrer Tatsachen. Dabei kann die Täuschung nicht nur ausdrücklich, sondern auch konkludent erfolgen.
Im vom BGH entschiedenen Fall war zwar bei genauer Lektüre der AGB erkennbar, dass das Angebot kostenpflichtig ist. Dies wurde jedoch im Rahmen des Angebots selbst verschleiert. Der Hinweis auf ein anfallendes Nutzungsentgelt war an einer Stelle platziert, an der mit einem solchen Hinweis nicht zu rechnen war.

Dazu, dass der Anbieter die Kostenpflichtigkeit in den AGB geregelt hatte, schrieb der BGH:
Da bereits die Hauptseite keinen deutlichen und leicht erkennbaren Hinweis auf die Kostenpflichtigkeit enthielt, konnten und mussten die Nutzer nicht damit rechnen, dass die Allgemeinen Geschäftsbedingungen eine solche für die Entscheidung über die Inanspruchnahme der Leistung wesentliche Angabe beinhalteten.
Zur Schutzfunktion des Strafrechts schreibt der BGH:
Der Annahme von Täuschungsabsicht steht nicht entgegen, dass der Hinweis auf die Entgeltlichkeit bei sorgfältiger, vollständiger und kritischer Prüfung erkennbar war. Es ist zwar nicht Aufgabe des Strafrechts (und des Betrugstatbestands), allzu sorglose Menschen vor den Folgen ihres eigenen unbedachten Tuns zu schützen. Doch lassen Leichtgläubigkeit des Opfers oder Erkennbarkeit einer auf die Herbeiführung eines Irrtums gerichteten Täuschungshandlung weder aus Rechtsgründen die Täuschungsabsicht entfallen noch schließen sie eine irrtumsbedingte Fehlvorstellung aus.
Bei seiner Wertung stützt der BGH sich auch auf die Richtlinie 2005/29/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 11. Mai 2005 über unlautere Geschäftspraktiken im binnenmarktinternen Geschäftsverkehr zwischen Unternehmen und Verbrauchern. Er argumentiert:
Gemäß Art. 6 (1) d) der Richtlinie 2005/29/EG gilt eine Geschäftspraxis als irreführend, wenn sie falsche Angaben enthält und somit unwahr ist oder wenn sie in irgendeiner Weise, einschließlich sämtlicher Umstände ihrer Präsentation, selbst mit sachlich richtigen Angaben den Durchschnittsverbraucher in Bezug auf den Preis täuscht oder ihn zu täuschen geeignet ist und ihn in jedem Fall tatsächlich oder voraussichtlich zu einer geschäftlichen Entscheidung veranlasst, die er ansonsten nicht getroffen hätte. Der Richtlinie liegt daher im Grundsatz das Leitbild eines durchschnittlich verständigen und aufmerksamen Verbrauchers zugrunde (vgl. auch den Erwägungsgrund 18). Soweit unter Verweis auf dieses Leitbild in der Literatur teilweise die An-sicht vertreten wird, aufgrund einer richtlinienkonformen Auslegung des Betrugstatbestands liege eine strafrechtlich relevante Täuschung nur dann vor, wenn die im Geschäftsverkehr getätigte Aussage geeignet ist, eine informierte, aufmerksame und verständige Person zu täuschen, folgt der Senat dieser Ansicht nicht.
Der BGH meint, dass nach diesen Maßstäben eine einschränkende Auslegung des Betrugstatbestands aufgrund der Richtlinie 2005/29/EG ausscheidet. Dazu argumentiert er:

Das Leitbild des durchschnittlich verständigen und aufmerksamen Verbrauchers hat - dem Zweck des Lauterkeitsrechts entsprechend - primär den Schutz der Dispositionsfreiheit des Verbrauchers im Blick und zielt darauf ab, ihn generalpräventiv vor unlauteren Beeinflussungen vor, bei oder nach Vertragsschluss zu schützen und damit seine (rechtsgeschäftliche) Entscheidungsfreiheit und mittelbar den Schutz der Mitbewerber sowie einen unverfälschten Wettbewerb zu gewährleisten. Gemäß Art. 1 bezweckt auch die Richtlinie 2005/29/EG, durch Angleichung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedsstaaten über unlautere Geschäftspraktiken zu einem reibungslosen Funktionieren des Binnenmarkts und zum Erreichen eines hohen Verbraucherschutzniveaus beizutragen. Zur Erreichung dieses Ziels bedarf es keiner Einschränkung des strafrechtlichen Vermögensschutzes. Die Richtlinie verfolgt nicht den Zweck, Geschäftspraktiken straffrei zu stellen, die zu einer Verletzung von Rechtsgütern der Verbraucher führen, und Verhaltensweisen zu privilegieren, die auf die Täuschung unterdurchschnittlich aufmerksamer und verständiger Verbraucher gerichtet sind. Irreführende Geschäftspraktiken, die dazu dienen, den Verbraucher durch gezielte Täuschung an seinem Vermögen zu schädigen, werden von dem Schutzzweck der Richtlinie daher nicht erfasst.

Diese Entscheidung stützt Verbraucher meiner Meinung nach weit über Angebote im Internet hinaus. Letzten Endes droht jedem, der einen Verbraucher unter Hinweis auf eine angebliche Kostenfreiheit zum Abschluss eines Vertrages verleitet, der Kadi. Damit ist nach meiner Meinung auch der Schutz von Verbrauchern, die im öffentlichen Raum von Geschäftemachern angesprochen und zum Abschluss von Verträgen verleitet werden, vom BGH betont worden.
 

Donnerstag, 21. August 2014

Urteil des BGH vom 22.07.2014 (VI ZR 357/13) auf der Homepage veröffentlicht

Auf der Homepage des BGH ist dessen jüngstes Urteil zu den Kosten eines Kfz-Sachverständigen nach Unfall gestern veröffentlicht worden. Die Leitsätze lauten:

a)      Die Kosten für die Begutachtung des bei einem Verkehrsunfall beschädigten Fahrzeugs gehören zu den mit dem Schaden unmittelbar verbundenen und gemäß § 249 Abs. 1 BGB auszugleichenden Vermögensnachteilen, soweit die Begutachtung zur Geltendmachung des Schadensersatzanspruchs erforderlich und zweckmäßig ist.
b)      Der Schätzung der Höhe der erforderlichen Sachverständigenkosten nach § 287 Abs. 1 ZPO müssen tragfähige Anknüpfungspunkte zugrunde liegen. Sie darf nicht völlig abstrakt erfolgen, sondern muss dem jeweiligen Einzelfall Rechnung tragen.
c)       Die losgelöst von den Umständen des Einzelfalls erfolgte Beurteilung des Tatrichters, die von einem Sachverständigen zusätzlich zu einem Grundhonorar berechneten Nebenkosten seien in Routinefällen grundsätzlich in Höhe von 100 € erforderlich, während sie, soweit sie diesen Betrag überstiegen, erkennbar überhöht und deshalb nicht ersatzfähig seien, entbehrt einer hinreichend tragfähigen Grundlage.
Bereits am Freitag hatte ich darauf hingewiesen, dass man sich im Einzelfall klar die Frage stellen darf "war die Begutachtung hier erforderlich"? Dies wird zum Teil grundsätzlich bejaht unter Hinweis auf die Beweissicherungsfunktion. Die dabei nicht gestellte Frage ist aber, ob eine Beweissicherung unstreitiger oder pauschal anerkannter Tatsachen erforderlich ist. Wird zum Beispiel vom Schädiger die Übernahme der Reparaturkosten verbindlich erklärt, ist die Rechnung der Werkstatt dann Abrechnungsgrundlage. Wozu bedarf es dann zusätzlich noch eines Gutachtens? Das sind Fragen, welche jetzt zu beantworten sind. Vermeintliche Gewissheiten zu dem Thema hat der Bundesgerichtshof mehr oder weniger vom Tisch gefegt.

Wenn es eines Gutachens bedarf, lässt der Bundesgerichtshof es durchaus zu, dass die Sachverständigenkosten nicht in voller Höhe bezahlt werden müssen. Darauf wird schon ein Geschädigter gucken müssen, falls er die Kosten des von ihm beauftragten Gutachters zahlen sollte. Der Bundesgerichtshof schreibt dazu u.a.:

Entgegen der Auffassung der Revision ist es allerdings grundsätzlich nicht zu beanstanden, dass das Berufungsgericht verschiedene der vom Kläger zur Berechnung seines Aufwendungsersatzanspruchs in seinen Allgemeinen Geschäftsbedingungen festgesetzten und in seiner Honorarrechnung ausgewiesenen Pauschbeträge - wie beispielsweise das Kilometergeld von 1,05 € / km oder die Kosten von 2,45 € für ein Foto - als erkennbar deutlich überhöht gewertet und der … Rechnung keine maßgebliche Indizwirkung für die Erforderlichkeit der geltend gemachten Kosten beigemessen hat.
Wie die Praxis mit diesem Urteil umgehen wird, ist spannend. Das Landgericht Saarbrücken hat den Fall zurück verwiesen bekommen und wird darauf sicher eine Antwort geben.